Das urbane Leben ist im Wandel begriffen. Eine Chance für Immobilienunternehmen, sich über neue Nutzerbedürfnisse Gedanken zu machen und innovative Lösungen zu erarbeiten. Wie können diese Ideen am Markt verwirklicht werden?

London „erfährt gerade eine enorme Zuwanderung von jungen Leuten im Alter von 22-30 Jahren (Brain Drain der Hochschulabsolventen aus dem Rest des Landes), während Menschen über 31 Jahren der Stadt zunehmend den Rücken kehren”, so der Prodo Millennials Housing Survey aus dem Jahr 2017.

In eine neue Stadt zu ziehen, ist 2019 ganz anders, als es noch vor 10 oder 20 Jahren war. Natürlich versuchen die Menschen nach wie vor, ein Gleichgewicht zwischen Wohn- und Arbeitsort, zwischen Lebensstil und Einkommen zu finden – aber die modernen Professionals sind viel weniger an Eigentum interessiert als frühere Generationen. Für sie bezieht sich der Begriff Lebensqualität meist auf Erlebnisqualität.

Junge, gut ausgebildete Städter verbringen ihre Zeit mit Menschen, die ähnlich denken wie sie. Sie legen Wert auf zuverlässige und gut zugängliche öffentliche Verkehrsmittel und haben kein Problem damit, bestimmte Infrastruktureinrichtungen mit anderen zu teilen. Kurz: Der moderne Städter – und natürlich die moderne Städterin – möchte sich persönlich und beruflich weiterentwickeln. Ein eigenes Unternehmen zu gründen und dieses Projekt zu finanzieren, ist heute viel einfacher als früher – und wenn man eine gute Idee für ein physisches Produkt hat, ist vielleicht ein 3D-Drucker die Fabrik der Zukunft.

Wie locken wir den gut ausgebildeten Nachwuchs in unsere Stadt, damit unsere Wirtschaft wachsen kann und wie bewältigen wir den Wohnungsmangel und die demografischen Veränderungen? Das sind nur einige der zentralen Herausforderungen, die Städte heute meistern müssen. Damit einher gehen neue Bedürfnisse und Ansprüche der Bewohner. Auch Immobilienunternehmen müssen auf die jüngsten Veränderungen reagieren und sie als Chance für die Entwicklung innovativer Produkte begreifen.

1. Die Zukunft des Wohnens

WG in der Luxus-Wohnung?

„Der Markt für Co-Living-Microflats macht 5 bis 10 Prozent des britischen Bausektors für private Vermietung aus – mit einem Volumen, das auf 25 Milliarden Pfund geschätzt wird. Meist entstehen dabei institutionell finanzierte Gebäude mit Mietwohnungen für Familien. *Co-Living-Microflats: die Bewohner nutzen bestimmte Einrichtungen gemeinsam, etwa Essbereiche, Lounges, Arbeitsbereiche, Hauswirtschaftsräume und Fitness-Studios“ (Reuters, 2017).

Die Zukunft des Wohnens: Co-Living
Diese Form des gemeinschaftlichen Wohnens ist quasi eine Premium-Weiterentwicklung des klassischen Studentenwohnheims mit Komplett-Service. Jeder Bewohner hat ein 1-Zimmer-Apartment ab ca. 15 qm mit Bett, Schreibtisch, Stuhl und Bad, alle nutzen Küche und andere Einrichtungen gemeinsam – etwa Arbeitsbereiche, Dachterrasse, Fitness-Studios, Kino oder Bar. Diese Art des auf die Gemeinschaft ausgerichteten Lebens ist vor allem für Millennials und internationale Nomaden attraktiv und für Menschen, die häufig aus beruflichen Gründen umziehen, denn sie stellt für alle eine Lösung aus einer Hand dar. Wichtiger noch: Co-Living bietet nicht nur Co-Working-Möglichkeiten sondern auch eine Fülle von Freizeitaktivitäten, wie etwa Kochkurse und Sportgruppen, aber auch berufliche orientierte Veranstaltungen und Weiterbildungsmöglichkeiten. Manchmal werden diese Programme von externen Managern koordiniert, manchmal von den Bewohnern selbst.

2. Die Zukunft der Arbeit

Die Fabrik am Schreibtisch?

„Hier dreht sich alles um Technologie: Wir zeigen insbesondere das enorme Wachstum und die Entwicklung neuer Technologien und Innovationen hier an unserem Standort – einem Campus mit Spezialeinrichtungen für modernste Produktion in East London.“ Gavin Poole, Here East CEO, 2018

Die Zukunft der Arbeit – Workspace 4.0
3D-Drucker, Elektronik und Roboter werden immer erschwinglicher und ermöglichen so die kleinteilige Produktion und die Entwicklung der sog. Tech-Maker-Bewegung – ein fragmentierter, aber sehr dynamischer Sektor, der Werkstatt und Büro verbindet. So entsteht eine neue Art von Fabrik und Fertigung. Neue Produkte werden entwickelt, gefertigt und verkauft, und das in Rufnähe des CEO-Büros. Die direkte Materialverarbeitung erfordert einfachen Zugang zu den Räumlichkeiten, aber auch eine gute Belüftung und die Möglichkeit, verschiedene Arbeitsbereiche zu integrieren. Daher kommen die „Maker“ zurück in die Innenstädte.

Würden Sie einen Tag lang Ihr Büro verlassen und Co-Working ausprobieren – vielleicht gleich in der Lobby Ihres Wohnhauses – schnell, einfach und kostenlos erreichbar?

Die Zukunft der Arbeit – Offenes Co-Working – die Weiterentwicklung der Lobby
Co-Working-Flächen sind für Kleinunternehmen und innovative Teams zum Arbeitsort der Wahl geworden. Aber auch Freiberufler, kleine und innovative Teams, die flexibler arbeiten möchten oder müssen, wählen immer häufiger diese neue Alternative mit ihrer dynamischen Atmosphäre. Aktuell hat sich ein neues Modell herausgebildet: die klassische mehrgeschossige Lobby eines Gebäudes, die physische Offenheit bietet, spontane Interaktion fördert, hell und luftig ist und viele Bereiche für unterschiedliche Aktivitäten bietet – mithin alles, was Co-Working-Flächen auszeichnet. Über mehrere Geschosse hat diese Art der Lobby alles, was das klassische Büro vermissen lässt. Die Etagen werden gemeinschaftlich genutzt, jedoch nur von den Mietern. Externe können nur „einziehen“, wenn der Raum nicht ausreichend genutzt ist. Die dadurch generierten Mieteinnahmen senken die Kosten der Dauermieter.

3. Die Zukunft des Einzelhandels

Möchten Sie direkt im Laden das Design Ihres Produkts auswählen, es personalisieren und bestellen?

„Die Neuerfindung des Ladenlokals – sei mehr als ein Geschäft, sei digital auch am Regal, verkaufe online auch an der Ladentheke
Experimentiere mit dem Erlebnis – Der beste Weg zur Innovation ist das Experiment. Kaufe ein in magischer Realität, mach Dich mit Künstlicher Intelligenz vertraut, schaffe Designs für das Auge
Vewandle Dein Business – Kunden, Konkurrenz, Kultur, alles ist im Fluss
Ausprobieren – einmal, zweimal, dreimal – dann erst kaufen. Klare Frage, klare Antwort. Entdecke den Wert Deiner Werte“
aus Deloitte Retail 2018

Einkaufen – Einzelhandel digital
Mit dem Aufkommen von e-Commerce und digitalen Technologien – insbesondere der virtuellen Welten – hat sich das Verbraucherverhalten verändert. Die Personalisierung von Produkten, der Einbau von Heimgeräten und sogar das Anprobieren von Kleidung im Laden: Als Reaktion auf die Erwartungen von digital versierten Kunden sind all diese Vorgänge heute im Wandel begriffen.

Sinn und Zweck der neuen Technologien ist es, den Kunden ein nahtloses Erlebnis zu bieten. Produkte können ausprobiert und angepasst werden, während zugleich neue Tools die klassische reale Lebenswert erobern: Roboter zum Beispiel, die Kunden anleiten, interaktive digitale Menüs und schließlich Spiegel, vor denen man virtuell dasselbe Kleidungsstück in unterschiedlichen Farben anprobieren kann – als das ist heute im stationären Einzelhandel möglich.

4. Die Zukunft der Freizeit

Lust auf ein kleines Spiel?

„eSport-Locations werden Teil der städtischen Infrastruktur.“ Populous 2018

Die Zukunft der Freizeit – e-Sport-Locations
Unsere Eltern haben entweder selbst Sport getrieben oder im Fernsehen zugeschaut. Die Digitalisierung von Spielen führt zu einem neuen Phänomen: Menschen können Mitspieler sein oder anderen beim Spielen zuschauen, ohne selbst körperlich aktiv werden zu müssen. Digitale Spiele machen aus Zuschauern gleichzeitig aktive Wettkämpfer. Die Welt des eSports entwickelt sich und erobert die Medienbranche – und wird Bestandteil der Erholung am Arbeitsplatz.

Da die neue Branche Schätzungen zufolge 2019 ein Volumen von 1 Milliarde USD erreichen soll, sind attraktive Events gefragt, die Multiplikatoren und visionäre Investoren anziehen. Der Markt ist der Traum jeder klassischen Sportliga, denn er zieht ein junges, buntes und globales Publikum an, das sich an einer bestimmten Location zu einem gemeinsamen Event zusammenfindet. Wobei jeder auch als Zuschauer mitmachen kann – und das ohne Qualifikationsrunden.

Die Nachfrage ist da – es bleibt nur die Frage, wer die geeigneten eSport-Locations oder Facilities, die die Menschen zusammenbringen, zur Verfügung stellt.

Vieles ist möglich. Man könnte bestehende Arenen oder Sporteinrichtungen nutzen. Aber auch leere Lobbys, kaum genutzte Auditorien und Büros sind vorstellbar. Da Erholung und Entertainment integraler Bestandteil des Arbeitsplatzes werden, besteht die Chance, die Zukunft des Live-eSports aus der Perspektive der Teilnehmer, der Fans oder der Medien zu erkunden.

5. Die Zukunft der Immobilienfinanzierung

Möchten Sie in das höchste Gebäude der Welt investieren – oder lieber Armen helfen, das Dach ihrer Hütte zu reparieren?

„Das Mikrofinanzierungsprojekt hat mehr als 400.000 Familien in Uganda und Kenia Zugang zu Kredit verschafft und damit Zugang zu angemessenem Wohnraum und besseren Lebensbedingungen.“ Mastercard Foundation Habitat.org

Finanzierung – Mikrofinanzierung und Crowdsourcing
Immobilien werden nach wie vor als sehr attraktive Anlagemöglichkeit wahrgenommen. Durch neue Technologien wie Blockchain können heute einzelne Mietverträge oder Eigentumsnachweise von quasi unendlich vielen Menschen geteilt werden. In naher Zukunft werden durch Crowdfunding von öffentlicher Infrastruktur und Immobilien die Gewinne an Konsortien von Mikroinvestoren weitergeben, da viele Crowdfunding-Projekte erfolgreich abgeschlossen werden.

Neue Muster – Flexibilität, einfacher und nahtloser Zugang

Es geht darum, den Zugang zu allem, was eine Transaktion benötig, zu vereinfachen und damit eine bessere, vereinfachte Kundenerfahrung zu bieten – alles bei höchstmöglicher Flexibilität. Klassische Immobilienprodukte und ausgesuchte Orte mit bewährten Typologien verschmelzen zu ganz unterschiedlichen Hybrid-Objekten, die präzise auf Kundenbedürfnisse ausgerichtet und mit digitalen Features ausgestattet sind. Das alles generiert immer neue Erwartungen seitens des neuartigen städtischen Arbeitnehmertyps.

Der moderne Städter wohnt in einem Co-Living-Arrangement, fertigt Produkte in einem 3D-Drucker an, genießt die Flexibilität des Arbeitsplatzes, personalisiert seine Outfits, ist eSportler und Zuschauer, koinvestiert in große Immobilienprojekte und erwartet hohe Renditen für einmalige Erlebnisse.

Möchten Sie diese neuen Modelle genießen können?

Sie leben in einem Co-Living-Gebäude, haben Ihr eigenes Unternehmen, stellen Ihre Produkte mit 3D-Druckern her, personalisieren die Schuhe, die Sie online bestellen, spielen eSports in virtuellen Räumen in ganz neuen Locations, koinvestieren gerne kleine Beträge mit hoher Rendite und lieben Flexibilität – sei es die Flexibilität der Räume, des Arbeitsplatzes oder der Stadt selbst.

Vollständigen Artikel hier herunterladen (in Englisch)

Ressourcen:
Mastercard Foundation
Habitat.org
Reuters, 2017
Prodo Millennials Housing Survey, 2017
Deloitte 2018 – Future of retail
Populous 2018

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Vladimir Masinsky

Vlad has a great passion for real estate innovations. For several years he pursued a career as an architect of large sport venues (London Olympic Stadium Transformation). His passion for combining architecture, tech and business lead him to co-lead innovation programme for Canary Wharf Group in London, implementing tech, solar and smart building technologies. Recently he dedicated his work to innovations in HB Reavis, introducing proptech and apps, describing megatrends, bringing innovative solutions and most recently leading a team of innovation scouts formulating new business concepts.


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